Das Kind

Du öffnest die Tür. Stimmen kommen dir entgegen. Du riechst diesen typischen Cafégeruch, geschäumte Milch und Apfelkuchen. Dann entdeckst du das Kind. Es sitzt am Fenster. Der Platz gegenüber ist frei, als warte es auf jemanden. Chris Rea singt "Coming Home for Christmas". Das Kind beginnt zu reden. Mit großen Ohren hörst du zu.

 

 „Da bist du ja endlich. Ich warte schon so lange auf dich. Haben wir jetzt ein bisschen Zeit miteinander? Du hast mir schon vor einer Ewigkeit versprochen, dass wir mal wieder eine heiße Milch zusammen trinken, aus dem Fenster schauen und warten was passiert.“

„Was soll denn passieren?“, hörst du dich fragen.

„Keine Ahnung“, erwidert das Kind überrascht, „das ist ja das Spannende! Erinnerst du dich nicht mehr?“

Du schüttelst den Kopf, setzt dich aber wortlos auf den freien Platz.

Du betrachtest noch einen Moment erstaunt das Kind, dann nimmst du einen Schluck von der heißen Milch, die plötzlich vor dir steht, und schaust aus dem Fenster. Der Regen lässt die bunten Lichter der Stadt auf der Scheibe wie Kaleidoskopbilder aufleuchten. Dein Blick verschwimmt und du beginnst klar zu sehen.

 

Als kleines Kind sitzt du am Küchenfenster deiner Großmutter, eine heiße Milch mit Honig steht vor dir auf der Fensterbank. Draußen eilen die Menschen vorbei, bepackt mit Tüten und Taschen, die Mäntelkragen hoch geschlagen, mit starrer Miene. Hinter dir in der Küche hantiert Oma. Sie mixt und rührt, raspelt und schneidet, probiert, ergänzt und befindet für gut. Du hast ihr den Rücken zugekehrt und fühlst dich geborgen in den Düften der Küche und dem Klang ihrer Stimme. Und du weißt genau: Wenn sie soweit ist, setzt sie sich zu dir ans Fenster. Mal mit einem der frisch gebackenen Kekse, mal mit einem Stück Schokolade – aber immer mit einer Geschichte. Sie erfindet jedes Mal neue Geschichten, nimmt die hastigen Menschen von draußen und stellt sie mitten hinein in die erdachten Märchen, Krimis oder Liebesgeschichten. Du trinkst dazu deine heiße Milch und versinkst in deiner Fantasie und den Geschichten deiner Großmutter.

 

Du verschüttest etwas Milch auf deine Hose. Jemand hat dich im Vorbeigehen angerempelt. Ein schnelles "Entschuldigung" hinter sich werfend, eilt er weiter. Du blickst ihm nach und nimmst deine Umgebung wieder wahr. Das Café hat sich gefüllt, aber der Platz dir gegenüber ist nun leer. Das Kind ist fort.

Oder nicht?

Nein, vermutlich steckt es noch immer in dir und wartet, dass du dir Zeit nimmst, dich zu erinnern.

 

inspiriert durch das Advents-Schreibexperiment von Susanne Niemeyer *freudenwort

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