Frau Bliepsch geht durch die weihnachtlich geschmückten Straßen. Sie trifft alte Bekannte, umarmt den Weihnachtsmann und bleibt zuletzt bei einem Musiker in der Fußgängerzone stehen. Der junge Mann spielt Querflöte, Frau Bliepsch erkennt jedes Lied und singt lauthals mit. Es sind Melodien ihrer Kindheit, die sie mit ihrer Mutter oft sang. Als sie in den Manteltasche nach Geld für den Musiker sucht, ertasten ihre Finger eine Puppe. Klein ist sie, mit blonden Locken und blauen Klimperaugen. Frau Bliepsch kennt diese Puppe. Als Kind hatte sie ihr den Namen Effi gegeben. Jetzt legt sie die Puppe dem Flötenspieler in den Instrumentenkasten und geht weiter. Mit Abschiedsschmerz – aber sie ist ihm etwas schuldig, findet sie.
Hinter der nächsten Ecke wartet der Musiker auf sie, lächelt ihr entgegen und gibt ihr die Puppe zurück. „Ich glaube, die gehört zu dir“, sagt er und verschwindet. Frau Bliepsch nimmt Effi an die Hand und schlendert mit ihr durch die Stadt. Als Kind lief sie oft so mit ihrer Puppe. Sie war Freundin, Schutzschild, Mutmacherin und Gouvernante in einem. Wann immer Frau Bliepsch sich in jungen Jahren mit Effi unterhalten hatte – die Antworten der Puppe hatten in ihrem Kopf stets die Stimme der Mutter gehabt. Frau Bliepsch bleibt stehen, drückt Effi fest an sich und sagt: „Du hast mir gefehlt!“ Mit geschlossenen Augen steht sie da, mitten im Trubel der Straßen. Menschen eilen an ihr vorbei, manche rempeln sie an. Aus der Ferne klingen die Töne einer Querflöte herüber. Frau Bliepsch nimmt nichts davon wahr. Sie spürt Effi in ihrem Arm und hört sie mit der Stimme ihrer Mutter flüstern: „Geliebtes Kind, ich bin immer bei dir!“


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