Die Gerechtigkeit wohnt im Container hinter’m Rewe. Hierhin hat sie sich zurückgezogen, nachdem sie allzu oft mit Füßen getreten, bespuckt und missachtet wurde. Seit fünf Tagen lebt sie nun schon hier. Sie ist schmutzig, sie stinkt, sie ekelt sich vor sich selbst. Jeden Tag, hofft sie aufs Neue, dass jemand kommt, dem sie am Herzen liegt oder der oder die sich nicht zu fein ist, sich zu ihr auf den dunklen Containerboden durchzuwühlen und sie dort herauszuholen.
Zuletzt ist es die Wut, die die Gerechtigkeit aus dem Container ans Tageslicht zerrt. Sie pflückt die welken Salatblätter von den Schultern der Gerechtigkeit, wischt ranziges Fett und nasse Papierschnipsel mit einer einzigen kräftigen Bewegung ab und sieht ihr zornfunkelnd in die Augen. „Muss ich dir erst ordentlich in den Arsch treten – oder kommst du jetzt endlich von allein in Gang? Was für eine feige Nummer, sich hier zu verkriechen!“, zischt die Wut. Die Gerechtigkeit ist kurz davor, in den Container zurückzuklettern. Doch dann richtet sie sich zu ihrer vollen Größe auf (damit überragt sie die Wut um ganze 4,7 cm) und sagte mit ruhiger Stimme: „Moment mal! So kannst du mit mir nicht umgehen! Mag sein, dass ich deinen Erwartungen nicht genüge. Mag sogar sein, dass ich meinen Erwartungen nicht genüge. Aber das gibt dir nicht das Recht, mich derart respektlos zu behandeln!“ Es wirkt, sieht die Gerechtigkeit. Die Zornesröte im Gesicht der Wut wird blasser, sie atmet ruhiger und senkt ihren Blick.
„Ich danke dir, dass du mich aus dem Container geholt hast“, sagt die Gerechtigkeit. „Dafür brauchte ich einen Schubs, glaube ich. Aber du darfst nicht übers Ziel hinausschießen.“
„Wenn du dich aber selbst so klein machst…“, braust die Wut auf.
Die Gerechtigkeit atmet tief ein und wächst dadurch noch ein Stück. „Ich muss nicht immer groß und stark sein. Manchmal ist es ganz gut, klein und verletzlich zu sein. Wie sollte ich sonst wissen, wie sich jene fühlen, für die ich da sein will. Das sind doch auch nicht die lauten Mächtigen, sondern die eingeschüchterten Verletzten. An ihrer Seite stehe ich. Ich glaube, es ist wichtig, dass sie sich selbst in mir erkennen können.“
Ich ändere eine Kleinigkeit. Ich ersetze des Wort “Gerechtigkeit” durch “Gott”.
Wer mag, kann am Ende ein “Amen” lesen, denken oder sagen.
Gott wohnt im Container hinter’m Rewe. Hierhin hat sie sich zurückgezogen, nachdem sie allzu oft mit Füßen getreten, bespuckt und missachtet wurde. Seit fünf Tagen lebt sie nun schon hier. Sie ist schmutzig, sie stinkt, sie ekelt sich vor sich selbst. Jeden Tag, hofft sie aufs Neue, dass jemand kommt, den sie am Herzen liegt oder der oder die sich nicht zu fein ist, sich zu ihr auf den dunklen Containerboden durchzuwühlen und sie dort herauszuholen.
Zuletzt ist es die Wut, die Gott aus dem Container ans Tageslicht zerrt. Sie pflückt die welken Salatblätter von den Schultern Gottes, wischt ranziges Fett und nasse Papierschnipsel mit einer einzigen kräftigen Bewegung ab und sieht ihr zornfunkelnd in die Augen. „Muss ich dir erst ordentlich in den Arsch treten – oder kommst du jetzt endlich von allein in Gang? Was für eine feige Nummer, sich hier zu verkriechen!“, zischt die Wut. Gott ist kurz davor, in den Container zurückzuklettern. Doch dann richtet sie sich zu ihrer vollen Größe auf (damit überragt sie die Wut um ganze 4,7 cm) und sagte mit ruhiger Stimme: „Moment mal! So kannst du mit mir nicht umgehen! Mag sein, dass ich deinen Erwartungen nicht genüge. Mag sogar sein, dass ich meinen Erwartungen nicht genüge. Aber das gibt dir nicht das Recht, mich derart respektlos zu behandeln!“ Es wirkt, sieht Gott. Die Zornesröte im Gesicht der Wut wird blasser, sie atmet ruhiger und senkt ihren Blick.
„Ich danke dir, dass du mich aus dem Container geholt hast“, sagt Gott. „Dafür brauchte ich einen Schubs, glaube ich. Aber du darfst nicht übers Ziel hinausschießen.“
„Wenn du dich aber selbst so klein machst…“, braust die Wut auf.
Gott atmet tief ein und wächst dadurch noch ein Stück. „Ich muss nicht immer groß und stark sein. Manchmal ist es ganz gut, klein und verletzlich zu sein. Wie sollte ich sonst wissen, wie sich jene fühlen, für die ich da sein will. Das sind doch auch nicht die lauten Mächtigen, sondern die eingeschüchterten Verletzten. An ihrer Seite stehe ich. Ich glaube, es ist wichtig, dass sie sich selbst in mir erkennen können.“
AMEN


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