O Tannenbaum

Im Jahr 1952, als Fritz aus der Gefangenschaft endlich nach Hause kam und den Platz neben seiner Ehefrau Elsa wieder einnahm, pflanzt er im winzigen Garten hinter dem Haus, das schon seinen Urgroßeltern gehört hatte, drei Bäume: einen Apfelbaum zur Geburt ihres Sohnes Hannes (dass der schon zehn Jahre alt war, störte Fritz nicht). Eine Eiche, in deren Stamm er seine und Elsas Initialen ritzte, sowie zwei Daten: ihr Hochzeitsdatum und den Tag seiner Rückkehr. Der dritte Baum war eine Edeltanne. Sie sollte einige Jahre wachsen dürfen und später als Weihnachtsbaum das eigene kleine Wohnzimmer schmücken.

 

Nur fünf Jahre später starb Fritz. Elsa konnte das Haus nicht halten und zog mit dem halbwüchsigen Hannes fort, in einen Nachbarort.

Hannes heiratete 1962 seine Tilda. Schon ein Jahr später brachte die ihre gemeinsame Tochter Emma zur Welt. Hannes gelang es, das elterliche Haus zurückzukaufen. Mit seinen drei Frauen zog er dort ein und ritzte in den Stamm der hohen Eiche nun auch seine und die Initialen seiner Frau, sowie zwei Daten: ihr Hochzeitsdatum und den Geburtstag der Tochter.

Zur Taufe buk Ella einen Kuchen mit den Äpfeln aus dem Garten.

Nur für die Edeltanne hatte niemand mehr Verwendung. Für einen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer war sie viel zu groß geworden. Doch dann las Hannes eines Tages, dass die Kirchengemeinde eine schöne hohe Weihnachtstanne suche. Und so wurde die große Edeltanne an einem sonnigen Dezembermorgen geschlagen und in der Kirche zu einem der prächtigsten Weihnachtsbäume geschmückt, den Elsa je gesehen hatte.

Im Gottesdienst saß sie neben Hannes, blickte auf den schönen Baum, dachte an Fritz und dankte Gott für seine leitende Hand in ihrem Leben.

 

inspiriert durch das Advents-Schreibexperiment von Susanne Niemeyer *freudenwort

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