Auftrag

M. zwirbelt eine Strähne ihres lockigen Haars und sieht den Fremden nachdenklich an.

"Nein", sagt sie. "Ich will nicht."

Er stutzt. "Wie meinst du das? Ein Nein ist nicht vorgesehen."

"Ich meine, ich möchte lieber nicht. Ich habe andere Pläne, verzeihen Sie."

Die Zeiten haben sich geändert, denkt der Fremde. Er geht hinaus. Wen, überlegt er, werde ich jetzt finden?

 

Er berät mit seinen Kollegen, was nun zu tun sei. Nach einigem Erstaunen, viel Ratlosigkeit und auch mancher Empörung ob des Nein von M. kommen dann doch einige Alternativvorschläge zustande.

Man könne eine Anzeige schalten: Leihmutter gesucht! Oder es würde jemand verpflichtet, die keine Chance habe, nein zu sagen. Etwa weil sie auf Unterstützung angewiesen sei oder bekanntermaßen so fromm, dass sie sich niemals trauen würde, nein zu sagen. Auch über eine Pflegefamilie wird beraten, die das himmlische Kind eben erst nach der Geburt in Obhut nähme. 

Alle Ideen werden heftig diskutiert, doch letztlich verworfen. Man kommt überein, der Allerhöchste müsse informiert werden und selber entscheiden, wie er zur Welt kommen wolle.

"Ich hasse diesen Auftrag", denkt er, als er sich schwer atmend erhebt und nervös den Gang zum Chef antritt. Gerade als er die Hand zum Klopfen hebt, hört er sie leise rufen.

"Warten Sie", sagt M. "Kommen Sie nochmal zurück. Ich habe es mir überlegt."

Er eilt zu M. Sie dreht noch immer nervös ihre Haare auf dem Finger, doch ein glänzendes Strahlen umhüllt sie.

"Ich mach's!", sagt sie.

 

Der Allerhöchste lehnt sich entspannt zurück, lächelt leise vor sich hin und nickt. "Ich wusste, sie ist die Richtige!"

 

inspiriert durch das Advents-Schreibexperiment von Susanne Niemeyer * freudenwort

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Diana (Donnerstag, 19 Dezember 2019 13:01)

    Hey, da könnte man fast einen Roman draus machen. Ich hatte gleich den passende Film im Kopf. Sehr schön!!!!